Eine Betrachtung über Lukas 5,11.27–28 und Matthäus 28,19–20
Man kann viel über Jesus wissen, seine Worte richtig finden und sich zum christlichen Glauben bekennen. Doch damit stellt sich eine persönliche Frage: Welchen Einfluss hat Jesus auf mein Leben? Bleibt Er jemand, über den ich nachdenke, oder ist Er der Herr, dem ich folge?
Als Jesus Menschen in seine Nachfolge rief, sagte Er: „Folge mir nach!“ Dieser Ruf geht über die Zustimmung zu bestimmten Wahrheiten hinaus. Er richtet sich an den ganzen Menschen – an sein Vertrauen, seine Entscheidungen, seine Beziehungen und seine Ziele.
Dabei müssen wir sorgfältig unterscheiden, was wir mit „nur glauben“ meinen. Echter Glaube an Jesus Christus ist kein minderwertiger Anfang, den wir durch eigene Leistungen ergänzen müssten. Wir werden aus Gnade durch Glauben gerettet. Doch dieser Glaube vertraut sich einer lebendigen Person an. Deshalb gehört zu ihm die Bereitschaft, auf Jesus zu hören und von Ihm lernen zu wollen.
Die entscheidende Frage lautet also: Bleibt unser Glaube ein Bekenntnis mit Worten, oder wird er als Vertrauen auf Christus in unserem Leben wirksam?
1. Der Ruf Jesu: „Folge mir nach!“
Lukas berichtet von der Berufung des Zöllners Levi:
„Und er sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.“
Lukas 5,27–28
Jesus begegnet Levi mitten in seinem Alltag, am Zollhaus. Dort verdient er sein Geld. Dort hat er seinen festen Platz. Genau dort trifft ihn der Ruf Jesu.
Dieser Ruf ist persönlich: „Folge mir nach!“ Jesus bindet Levi an sich. Levi soll mit Ihm gehen, auf Ihn hören und sein Leben unter seine Führung stellen.
Die Antwort Levis besteht aus einer Handlung: Er verlässt alles, steht auf und folgt Jesus. Was Jesus sagt, verändert seine Richtung.
Das macht das Wesen der Jüngerschaft deutlich. Ein Jünger ist ein Lernender, der sich seinem Lehrer anschließt. Bei Jesus bedeutet das mehr als die Aufnahme von Wissen. Seine Jünger lernen von Ihm, indem sie auf sein Wort hören, seinen Umgang mit Menschen kennenlernen und sich von Ihm prägen lassen.
Auch heute trifft der Ruf Jesu Menschen mitten im Leben: in ihrer Familie, ihrem Beruf und ihren gewohnten Abläufen. Nachfolge beginnt dort, wo sein Wort für unsere tatsächlichen Entscheidungen maßgeblich wird.
2. Alles verlassen: Jesus bekommt den ersten Platz
Schon einige Verse zuvor beschreibt Lukas die Reaktion von Simon Petrus und seinen Gefährten:
„Und als sie die Schiffe ans Land gebracht hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach.“
Lukas 5,11
Diese Männer hatten gerade einen außergewöhnlichen Fischfang erlebt. Doch am Ende der Begebenheit steht Jesus im Mittelpunkt ihres Lebens. Sie verlassen die Boote und folgen Ihm.
Dabei ist entscheidend, was vorausgeht. Petrus erkennt angesichts der Macht Jesu seine eigene Sündhaftigkeit. Jesus begegnet ihm mit den Worten: „Fürchte dich nicht“, und gibt ihm einen neuen Auftrag (Lukas 5,8–10). Die Nachfolge ist seine Antwort auf die Begegnung mit Jesus und dessen gnädigen Ruf.
„Alles verlassen“ bedeutet in diesen Berufungsgeschichten einen konkreten Bruch mit der bisherigen Tätigkeit. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Vorschrift ableiten, nach der jeder Christ seinen Beruf aufgeben oder seine Familie verlassen müsste. Gottes Wort fordert uns ausdrücklich auf, Verantwortung für unsere Angehörigen zu übernehmen (1. Timotheus 5,8).
Der Anspruch Jesu reicht dennoch in jedes Leben hinein: Kein Besitz, kein Beruf und kein eigener Plan darf einen höheren Rang erhalten als Er.
Für den einen bedeutet das, eine unehrliche Geschäftspraxis aufzugeben. Für einen anderen, eine Gewohnheit zu beenden, die ihn beherrscht. Wieder ein anderer muss lernen, Zeit, Geld oder persönliche Wünsche zurückzustellen, um einem Menschen zu dienen.
Dabei lautet die Frage: Darf Jesus auch dort über mein Leben bestimmen, wo mich der Gehorsam etwas kostet?
3. Glauben und Nachfolgen: Wie gehören sie zusammen?
Die Gegenüberstellung von „nur glauben“ und „wirklicher Nachfolge“ kann hilfreich sein, wenn wir mit „nur glauben“ eine bloße Zustimmung meinen. Sie wird jedoch irreführend, wenn der Eindruck entsteht, Glaube reiche zur Errettung nicht aus und müsse durch unsere Werke vervollständigt werden.
Paulus schreibt, dass wir aus Gnade durch Glauben gerettet sind, nicht aus Werken. Unmittelbar danach erklärt er, dass wir in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen sind (Epheser 2,8–10).
Die Reihenfolge ist entscheidend:
Gottes Gnade rettet uns. Aus dem empfangenen neuen Leben wächst ein veränderter Wandel.
Wir folgen Jesus nicht, um uns seine Annahme zu verdienen. Wir folgen Ihm, weil Er uns geliebt, gerufen und angenommen hat. Sein Kreuz ist der Grund unserer Errettung; unser Gehorsam ist die Antwort darauf.
Auch eine sichtbare Veränderung macht uns nicht sündlos. Jünger bleiben Menschen, die Korrektur, Vergebung und Geduld brauchen. Petrus folgte Jesus und versagte dennoch schwer. Jesus stellte ihn wieder her.
Der Unterschied zwischen einem bloßen Bekenntnis und gelebter Nachfolge liegt deshalb nicht in einem fehlerlosen Leben. Er zeigt sich in der grundsätzlichen Haltung gegenüber Jesus und seinem Wort.
| Bereich | Wenn es beim Bekenntnis bleibt | Wenn Glaube die Nachfolge prägt |
|---|---|---|
| Jesu Worte | Ich stimme ihnen zu, solange sie mich wenig kosten. | Ich möchte ihnen auch dann gehorchen, wenn sie mich herausfordern. |
| Entscheidungen | Meine Wünsche geben letztlich den Ausschlag. | Ich frage nach dem Willen des Herrn. |
| Umgang mit Sünde | Ich rechtfertige oder verharmlose sie. | Ich bekenne sie und suche Umkehr und Hilfe. |
| Besitz und Zeit | Ich verfüge darüber ohne Rückfrage bei Gott. | Ich verstehe sie als anvertraute Gaben. |
| Geistliches Lernen | Wissen bleibt weitgehend ohne Folgen. | Das Erkannte soll meinen Alltag verändern. |
Diese Gegenüberstellung soll uns zur ehrlichen Selbstprüfung helfen. Sie ist kein Maßstab, mit dem wir anhand einzelner Beobachtungen über den Glauben anderer urteilen könnten.
4. Der Auftrag Jesu: Menschen zu Jüngern machen
Am Ende des Matthäusevangeliums gibt der auferstandene Herr seinen Jüngern den Auftrag:
„Macht alle Nationen zu Jüngern“
Matthäus 28,19
Jesus möchte, dass Menschen aus allen Völkern Ihn kennenlernen und seine Jünger werden. Der Auftrag umfasst Verkündigung, Taufe und Lehre. Menschen sollen zum Glauben kommen, ihre Zugehörigkeit zu Ihm bekennen und lernen, nach seinem Wort zu leben.
Damit wird deutlich: Christlicher Dienst ist nicht abgeschlossen, sobald jemand Interesse zeigt oder ein Bekenntnis ausspricht. Menschen brauchen Begleitung, Unterweisung und das gelebte Beispiel anderer Gläubiger.
Die Taufe: Zugehörigkeit bekennen
Jesus verbindet das Jüngermachen mit der Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Zugehörigkeit zu Ihm soll sichtbar bekannt werden.
Nachfolge bleibt deshalb keine rein private Angelegenheit. Wer Jesus folgt, gehört zu Ihm und wird in die Gemeinschaft mit anderen gestellt, die ebenfalls Ihm gehören.
Die Lehre: Gehorsam lernen
Jesus erklärt, was seine Jünger lehren sollen:
„Lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.“
Matthäus 28,20
Das Ziel geht über das Kennen seiner Gebote hinaus. Die Menschen sollen lernen, sie zu bewahren – sie ernst zu nehmen und danach zu handeln.
Bibelkenntnis ist dafür wesentlich. Wie könnten wir Jesus gehorchen, wenn wir seine Worte nicht kennen? Doch die Erkenntnis soll unser Leben erreichen.
Wenn Jesus Vergebung lehrt, betrifft das unseren Umgang mit Menschen, die uns verletzt haben. Wenn Er Wahrhaftigkeit fordert, betrifft das unsere Gespräche und Versprechen. Wenn Er zur Liebe ruft, betrifft das auch die Menschen, denen wir lieber ausweichen würden.
Jüngerschaft bedeutet, Gottes Wort zu verstehen und sich von ihm verändern zu lassen.
5. Nachfolge wächst im Alltag
Die Berufung Levis geschieht in einem Augenblick. Das Lernen als Jünger erstreckt sich über das ganze Leben.
Auch bei uns gehören eine grundsätzliche Entscheidung für Christus und viele konkrete Schritte zusammen. Nachfolge nimmt Gestalt an, wenn wir Ihm in den gewöhnlichen Situationen des Tages vertrauen.
Dabei können drei Fragen helfen:
- Was zeigt mir das Wort Gottes? Wir lesen die Bibel mit der Bereitschaft, uns unterweisen und korrigieren zu lassen.
- Wo betrifft das mein Leben? Wir werden konkret: in einer Beziehung, einer Gewohnheit, einer Verpflichtung oder einer anstehenden Entscheidung.
- Welcher Schritt des Gehorsams ist jetzt dran? Wir setzen das Erkannte im Vertrauen auf den Herrn um.
Manchmal ist dieser Schritt ein klärendes Gespräch. Manchmal eine Bitte um Vergebung. Manchmal der Verzicht auf etwas, das uns schadet. Manchmal die Bereitschaft, eine unscheinbare Aufgabe treu zu erfüllen.
Solche Schritte verdienen keine Gnade. Sie sind Ausdruck des Vertrauens auf den, der uns gnädig begegnet ist.
6. Jesus lässt seine Jünger nicht allein
Der Auftrag aus Matthäus 28 steht zwischen zwei Zusagen. Vor ihm erklärt Jesus, dass Ihm alle Gewalt im Himmel und auf der Erde gegeben ist. Danach verspricht Er:
„Ich bin bei euch alle Tage“
Matthäus 28,20
Seine Autorität gibt der Nachfolge ihre Verbindlichkeit. Seine Gegenwart gibt ihr Zuversicht.
Wir folgen keinem abwesenden Lehrer. Der auferstandene Herr ist bei den Seinen. Er trägt sie, korrigiert sie und gibt ihnen Kraft durch seinen Geist.
Deshalb müssen wir weder auf unsere eigene Stärke vertrauen noch angesichts unseres Versagens aufgeben. Wir dürfen zu Ihm zurückkehren, Vergebung empfangen und weiterlernen.
Der Ruf „Folge mir nach!“ kommt von dem, der selbst bis zum Kreuz gegangen ist, um uns zu retten. Er kennt den Weg, auf den Er uns ruft. Und Er geht ihn mit uns.
Schlussgedanken: Welcher Schritt ist heute dran?
Levi stand auf und folgte Jesus. Petrus und seine Gefährten ließen ihre Boote zurück. Ihr Vertrauen auf Jesus erhielt eine sichtbare Gestalt.
Auch uns ruft der Herr in ein Leben mit Ihm. Er möchte, dass wir sein Wort hören, Ihm vertrauen und lernen, danach zu handeln.
Die Frage ist deshalb persönlich: Gibt es etwas, das ich aus seinem Wort längst erkannt habe, dessen Umsetzung ich aber aufschiebe? Wo halte ich an meinem eigenen Willen fest? Und welchen nächsten Schritt kann ich heute im Vertrauen auf Ihn gehen?
Wir werden aus Gnade durch Glauben gerettet. Als Gerettete dürfen wir lernen, unserem Retter zu folgen – Schritt für Schritt, getragen von seiner Gegenwart.
